Autor: Silvan Maaß
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Dieser Artikel erklärt...
Wer sich mit der deutschen Sprache und ihrem Klang beschäftigt, kommt an Füllwörtern nicht vorbei.
- Hier erfahrt ihr, was Füllwörter genau sind und warum sie trotz ihres geringen Aussagewerts nicht einfach als überflüssig abgetan werden sollten. Es wird gezeigt, welche kommunikativen, emotionalen und kognitiven Funktionen sie in der gesprochenen Sprache erfüllen, etwa beim Überbrücken von Denkpausen oder beim Abschwächen von Kritik. Es wird auch dargelegt, wann ihr Einsatz in der geschriebenen Sprache sinnvoll ist und wann er, etwa in wissenschaftlichen Texten, eher vermieden werden sollte. Außerdem wird erklärt, warum Füllwörter für Deutschlernende eine besondere Herausforderung darstellen und es letztlich auf einen bewussten Umgang ankommt.
Interesse? Dann lies den ganzen Artikel.
Definition: Was sind Füllwörter?
Ein Füllwort ist ein Wort mit minimaler inhaltlicher Aussagekraft, das für das Verstehen eines Satzes nicht notwendig ist und ihm keine neuen Informationen hinzufügt. Umgangssprachlich werden Füllwörter auch als "Müllwörter" bezeichnet. In schriftlichen Texten blähen Füllwörter Sätze auf, ziehen sie unnötig in die Länge und verlangsamen den Lesefluss. In der gesprochenen Sprache hingegen erfüllen Füllwörter wichtige kommunikative, emotionale und kognitive Funktionen. Sie sind dort kein Fehler, sondern ein natürlicher Bestandteil des Sprechens.
Funktionen von Füllwörtern
Füllwörter erfüllen trotz ihres geringen Informationsgehalts konkrete sprachliche Funktionen. Allerdings unterscheiden sich diese Funktionen je nach Kontext erheblich.
In der gesprochenen Sprache entfalten Füllwörter ihr volles Potenzial; in der geschriebenen Sprache ist ihr sinnvoller Einsatz auf informelle Texte und literarische Dialoge begrenzt.
Funktionen in der gesprochenen Sprache
In der gesprochenen Sprache übernehmen Füllwörter drei übergeordnete Aufgaben: Diskurssteuerung, emotionale Haltungsmarkierung und kognitive Entlastung.
- Kommunikative Funktion (Diskurssteuerung):
- Sprachfluss natürlich gestalten: Der gelegentliche Einsatz von Füllwörtern in der mündlichen Kommunikation ist nicht nur akzeptabel, sondern kann sogar wünschenswert sein. Füllwörter tragen zur Natürlichkeit des Sprechflusses bei und verleihen Gesprächen eine authentische Note.
- Aussagen abschwächen: Viele Füllwörter dienen als sprachliche Puffer, die Aussagen abmildern und weniger direkt erscheinen lassen. Besonders in kritischen Äußerungen kann ein Wort wie "irgendwie" die Härte einer Kritik reduzieren: "Das Design wirkt irgendwie unausgereift" klingt deutlich weicher als "Das Design ist unausgereift".
- Sanfte Gesprächsübergänge schaffen: Abrupte Themenwechsel können unhöflich oder verwirrend wirken. Füllwörter wie "übrigens", "nun ja" oder "also" bereiten das Gegenüber gedanklich auf einen Themawechsel vor und gestalten den Übergang fließend.
- Sprechpausen überbrücken: Verstreicht im Gespräch zu viel Zeit ohne verbale Äußerung, riskieren Sprechende, dass ihr Gegenüber mental abwandert oder die Stille als Aufforderung zum Sprecherwechsel interpretiert. Füllwörter fungieren in dieser Situation als kommunikative Platzhalter und senden das Signal: "Ich halte noch meinen Redebeitrag. Bitte noch einen Moment Geduld."
- Emotionale Funktion (Haltung und Einstellung):
- Emotionale Färbung transportieren: Obwohl Füllwörter inhaltsleer sind, geben sie subtile Hinweise auf die emotionale Haltung der sprechenden Person. "Eigentlich" oder "natürlich" können je nach Kontext und Intonation Unsicherheit, Zustimmung oder Überraschung vermitteln. Füllwörter sollten deshalb nicht nur als überflüssige Elemente betrachtet werden, sondern auch als Träger emotionaler Nuancen.
- Kognitive Funktion (Planung und Häsitation):
- Denkzeit gewinnen: Häufig beginnen Sprechende zu reden, noch bevor ihre Gedanken vollständig geordnet sind. Füllwörter schaffen in solchen Momenten einen zeitlichen Puffer, in dem das Gehirn notwendige Verbindungen herstellen und Ideen strukturieren kann.
- Kognitive Entlastung während des Sprechens: In freien Vorträgen und Alltagsgesprächen erlauben Füllwörter als sprachliche Platzhalter, weiterzusprechen, ohne sofort die nächste inhaltlich gewichtige Aussage formulieren zu müssen.
- Häsitationsmarker (Verzögerungslaute): Spezifische Laute wie "äh" oder "ähm" sind eine eigene Kategorie von Füllwörtern. Sie überbrücken Sprechpausen und signalisieren, dass der Redefluss noch nicht abgeschlossen ist.
Funktionen in der geschriebenen Sprache
In der geschriebenen Sprache ist der sinnvolle Einsatzbereich von Füllwörtern deutlich enger als in der gesprochenen Sprache. In formellen Texten - etwa in wissenschaftlichen Arbeiten oder Geschäftsbriefen, wo Präzision und Knappheit im Vordergrund stehen - gelten Füllwörter als stilistisches Problem: Sie verwässern Aussagen und lassen Texte unpräzise wirken. In informelleren Textformen wie E-Mails, Chats oder literarischen Dialogen können Füllwörter hingegen zur Authentizität und Lebendigkeit beitragen, sofern sie nicht im Übermaß eingesetzt werden. Emotionale Färbung ist auch schriftlich möglich: "Natürlich kannst du das!" wirkt anders als ein schlichtes "Du kannst das!"
Sollte man Füllwörter vermeiden?
Ob Füllwörter vermieden werden sollten, hängt vom Kontext ab. Eine pauschale Antwort gibt es nicht.
In formellen schriftlichen Texten - insbesondere in wissenschaftlichen Arbeiten wie Dissertationen, Masterarbeiten oder Fachartikeln - ist es ratsam, Füllwörter stark zu reduzieren oder vollständig wegzulassen. Dort verwässern sie Aussagen und schwächen die Präzision des Textes. In informellen Texten hingegen haben Füllwörter ihre Berechtigung.
In der gesprochenen Sprache kommt Füllwörtern eine deutlich größere Rolle zu, wie ihre Funktionen zeigen. Eine vollständig "bereinigte" Sprache ohne jedes Füllwort ist weder realistisch noch wünschenswert. Problematisch wird der Einsatz von Füllwörtern erst im Übermaß. Ein ständiges "sozusagen" oder "halt" lenkt vom Inhalt ab und wirkt auf Zuhörende störend.
Die entscheidende Frage ist also nicht "Füllwörter: ja oder nein?", sondern: "Wie bewusst und dosiert werden Füllwörter eingesetzt?" Ein reflektierter Umgang, der die kommunikativen Funktionen von Füllwörtern nutzt, ohne sie zu überstrapazieren, ist sinnvoller als ein striktes Vermeiden oder ein gedankenloses Verwenden.
Herausforderungen für Deutschlernende
Für Lernende des Deutschen als Fremdsprache sind Füllwörter eine besondere sprachliche Herausforderung, weil ihre Bedeutungen kontextabhängig, graduell und oft nicht direkt in andere Sprachen übersetzbar sind. Die korrekte und natürlich klingende Verwendung von Füllwörtern setzt fortgeschrittene Sprachkenntnisse voraus. Dazu zählen insbesondere ein Verständnis für pragmatische Nuancen als auch ein Gefühl für die jeweilige Kommunikationssituation. Wer Füllwörter sicher beherrscht, signalisiert damit eine gehobene Sprachkompetenz im Deutschen.
Drei Fakten, mit denen du sofort als Experte wirkst
Mit diesen Fragen zeigst du beim nächsten Gespräch über Sprache, dass du das Thema wirklich durchdrungen hast:
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Wusstest du, dass Füllwörter in Gesprächen als kognitive Platzhalter fungieren und dem Gehirn wertvolle Zeit verschaffen, um Gedanken zu ordnen, bevor man weiterspricht, und das sie damit eine messbare kognitive Entlastungsfunktion erfüllen?
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Wusstest du, dass das Entfernen eines scheinbaren Füllworts wie "eventuell" die Bedeutung eines Satzes grundlegend verändern kann? "Ich komme eventuell etwas später" lässt pünktliches Erscheinen offen. "Ich komme etwas später" nicht.
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Wusstest du, dass Füllwörter für Deutschlernende zu den schwierigsten sprachlichen Elementen überhaupt zählen, weil ihre Bedeutungen kontextabhängig und in andere Sprachen kaum übersetzbar sind?
Füllwörter Beispiele
Nicht jedes scheinbare Füllwort ist tatsächlich überflüssig. Ob ein Füllwort gestrichen werden kann, ohne die Aussage eines Satzes zu verändern, zeigt sich erst im konkreten Satzkontext. Die folgenden zwei Beispiele verdeutlichen diesen Unterschied:
Satz mit Füllwort
Die Verhandlungen sind allem Anschein nach erfolgreich verlaufen und der Vertrag wird bald unterzeichnet.
Satz ohne Füllwort
Die Verhandlungen sind erfolgreich verlaufen und der Vertrag wird bald unterzeichnet.
"Allem Anschein nach" lässt sich in diesem Satz streichen, ohne dass sich die Kernaussage verändert. Es handelt sich um ein klassisches überflüssiges Füllwort, das den Satz aufbläht, ohne ihm inhaltlich etwas hinzuzufügen.
Im folgenden Beispiel sieht dies anders aus:
Satz mit Füllwort
Ich komme eventuell etwas später.
Satz ohne Füllwort
Ich komme etwas später.
Wird "eventuell" gestrichen, verändert sich die Bedeutung des Satzes grundlegend: In der ersten Variante bleibt pünktliches Erscheinen möglich. In der zweiten Variante ist eine Verspätung definitiv. "Eventuell" ist in diesem Kontext kein überflüssiges Füllwort, sondern ein bedeutungstragender Bestandteil der Aussage.
Füllwörter Liste
Die folgende Liste enthält 307 Füllwörter, gruppiert nach semantischen Clustern und jeweils mit Wortbedeutung. Zu beachten ist, dass viele Begriffe mehreren semantischen Gruppen zugeordnet sein können und nicht ausschließlich als Füllwörter verwendet werden. Als Faustregel gilt: Ein Wort ist ein Füllwort, wenn der Satz ohne es dieselbe Kernaussage transportiert.
Abschwächung / Relativierung
Art und Weise
Beispiele / Aufzählungen / Präzisierungen
Begrenzung
Diskursorganisierend (neue Informationen einleitend)
Einschränkung / Bedingung / Ausnahme
Häsitationsmarker (Verzögerungslaute)
Konsequenz / Schlussfolgerung / logische Beziehung
Steigerung / Vergleich
Strukturierung / Bezug im Text
Verallgemeinerung / Allgemeinheit
Verstärkend / intensivierend
Wahrscheinlichkeit / Möglichkeit / Unsicherheit
Zeitliche Angaben (Häufigkeit, Dauer, Reihenfolge)
Zweifel / Infragestellung / Überraschung
Über den Autor
Silvan Maaß ist Diplom-Kommunikationswirt (dab) sowie Mitbegründer der Sprachnudel, wodurch er sich seit über 20 Jahren beinahe täglich mit theoretischer und angewandter Linguistik beschäftigt. Die Lebendigkeit der Sprache hat es ihm besonders angetan. Daher interessiert er sich insbesondere für Okkasionalismen und Neologismen - zwei kreative Themenfelder der Linguistikforschung, die in unserer Gesellschaft relevanter denn je sind.
Viele seiner Gedanken und Beobachtungen hat er im Sprachnudel-Magazin verfasst, wo er regelmäßig über sprachliche Phänomene und aktuelle Entwicklungen der deutschen Sprache schreibt.