Autor: Silvan Maaß
Im Wörterbuch:
jugendspr., jugendsprachl., jugendsprachlich, Jugendsprache
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Dieser Artikel erklärt...
Wer sich mit der deutschen Sprache und ihrem ständigen Wandel beschäftigt, kommt an der Jugendsprache nicht vorbei.
- Hier erfahrt ihr, was Jugendsprache genau ist und warum es sie nicht als einheitliches System gibt, sondern als ein buntes Geflecht aus verschiedenen Gruppensprachen. Es wird gezeigt, welche Merkmale die heutige Jugendsprache prägen, von Anglizismen und Abkürzungen über soziale Medien bis hin zu Einflüssen aus dem Kiezdeutsch. Es wird auch dargelegt, warum Jugendliche überhaupt anders sprechen wollen als Erwachsene, etwa zur Identitätsbildung, zur Abgrenzung oder schlicht aus dem Bedürfnis nach Echtheit. Außerdem wird erklärt, warum Jugendsprache kein Zeichen des Sprachverfalls ist, sondern ein natürlicher Teil des Sprachwandels.
Interesse? Dann lies den ganzen Artikel.
Einleitung
Jugendsprache ist keine einheitliche Sprache, sondern ein Sammelbegriff für die vielfältigen Sprachstile, die Jugendliche zur Abgrenzung, Identitätsbildung und gruppeninternen Kommunikation verwenden. Sie unterliegt einem permanenten Wandel, ist regional verschieden und tritt in unzähligen Gruppenvarietäten auf. Typische Merkmale der Jugendsprache sind englische Lehnwörter wie "Burner", kreative Bedeutungsverschiebungen wie "porno" (im Sinne von: sehr gut) und sprachliche Neuschöpfungen wie "entbieren".
Dieser Artikel erklärt: (1) was Jugendsprache ist und wie sie sich von der Standardsprache abgrenzt, (2) welche sprachlichen Merkmale sie kennzeichnen, (3) warum Jugendliche eine eigene Sprache entwickeln und (4) ob Jugendsprache ein Zeichen für Sprachverfall ist.
1. Definition: Was ist Jugendsprache?
Jugendsprache bezeichnet in der Sprachwissenschaft die Gesamtheit der Sprachstile, die Jugendliche in ihren sozialen Gruppen, Szenen und Subkulturen verwenden. Die Gesellschaft für Deutsche Sprache definiert Jugendsprache folgendermaßen:
"Unter Jugendsprache wird in der Sprachwissenschaft die Gesamtheit von Sprachstilen Jugendlicher gefasst, wie sie in Jugendgruppen (Peergroups), Szenen, jugendlichen Milieus, Teil- und Subkulturen auftreten."
Jugendsprache existiert damit nicht als eine einzige, klar abgegrenzte Varietät, sondern als eine Vielzahl von Mikrosprachen. Das sind gruppenspezifischen Sprachformen, die je nach sozialer Zugehörigkeit, Region und Kommunikationssituation variieren. Jugendsprachliche Begriffe unterliegen einem starken zeitlichen Wandel: Wörter wie "steiler Zahn" (1970er Jahre, für: attraktive Frau) oder "Laffe" und "Camuff" (um 1900, für: ein Mann) gelten heute als veraltet oder sind vollständig in Vergessenheit geraten.
2. Welche sprachlichen Merkmale kennzeichnen die Jugendsprache?
Die Jugendsprache der 2020er Jahre ist geprägt von vier zentralen sprachlichen Merkmalen: Übertreibung, Wortverschmelzung, Humor und digitalem Einfluss.
Der digitale Einfluss ist dabei besonders ausgeprägt: Jugendliche kommunizieren heute mehr als jede Vorgängergeneration schriftlich und nutzen hierfür u.a. Chats, SMS und Messenger-Diensten. Plattformen wie Instagram, TikTok, WhatsApp und Snapchat prägen den jugendsprachlichen Wortschatz unmittelbar. In diesen digitalen Kommunikationsräumen spielen Abkürzungen und Akronyme eine zentrale Rolle - etwa "LOL" (Laughing Out Loud) oder
"YOLO" (You Only Live Once).
Durch Globalisierung und interkulturelle Vernetzung fließen zunehmend Anglizismen in die Jugendsprache ein. Das englische Adjektiv "lost" - im Sinne von: ahnungslos, ideenlos, überfordert - war das Jugendwort des Jahres 2020 laut einer Umfrage des Langenscheidt-Verlags. Daneben haben sich seit den 1990er Jahren Kiezdeutsch-Strukturen verbreitet. Hierbei handelt es sich um einen Ethnolekt, der in Wohngebieten mit hohem Migrantenanteil entstanden ist und Konstruktionen wie "Isch geh Bahnhof" oder "Lassma Viktoriapark gehen" hervorgebracht hat.
3. Wie grenzt sich Jugendsprache von Standardsprache und Umgangssprache ab?
Jugendsprache, Standardsprache und Umgangssprache sind drei verschiedene Sprachvarietäten des Deutschen, die sich in Verwendungskontext, Formalisierungsgrad und Wortschatz unterscheiden.
Die Standardsprache ist die kodifizierte Hochsprachform, die in der Öffentlichkeit, in Schulen und in schriftlichen Texten verwendet und im Duden normiert wird. Die Umgangssprache ist die informelle Alltagssprache im privaten Bereich. Sie ist gelegentlich derb, aber weitgehend für alle Altersgruppen verständlich. Die Jugendsprache enthält Elemente beider Varietäten, geht darüber hinaus aber durch gruppenspezifischen Wortschatz und Neologismen, die Außenstehenden oft unbekannt sind.
Standardsprache: Ich habe kein Geld mehr.
Umgangssprache: Ich hab' keine Kohle / keine Knete mehr.
Jugendsprache: Bin total blank. / Ich hab' keine Tacken mehr.
Jugendsprache wird primär im gruppeninternen Austausch unter Gleichaltrigen verwendet. Viele jugendsprachliche Ausdrücke sind für Erwachsene ohne Erklärung nicht verständlich. Dieser bewusste Ausschluss Außenstehender ist kein Nebeneffekt, sondern ein zentrales Merkmal: Jugendsprache soll verstehen, wer dazugehört und nicht verstehen, wer es nicht tut.
4. Was unterscheidet Jugendsprache von der Erwachsenensprache?
Der zentrale Unterschied zwischen Jugend- und Erwachsenensprache liegt im Verhältnis zur Standardsprache und im Ausmaß sprachlicher Innovation. Erwachsene verwenden in der Öffentlichkeit überwiegend die Standardsprache, ergänzt durch umgangssprachliche Ausdrücke je nach Situation und persönlichem Stil. Jugendsprache hingegen enthält weit mehr Neologismen. Das sind Wörter und Ausdrücke, die noch nicht in Wörterbüchern erfasst sind und sich im aktiven Sprachgebrauch befinden.
Erwachsene greifen gelegentlich auf jugendsprachliche Elemente zurück, um Nähe zur jüngeren Generation zu signalisieren oder um Beobachtungen über deren Sprechweise zu kommentieren. Jugendliche wiederum weisen solche Übernahmen oft als unecht zurück, was zeigt, dass Jugendsprache nicht nur ein Vokabular, sondern auch eine soziale Zugehörigkeitsmarkierung ist.
5. Warum entwickeln Jugendliche eine eigene Sprache?
Jugendsprache erfüllt für ihre Sprecher mehrere soziale und psychologische Funktionen gleichzeitig: Identitätsbildung, Gruppenabgrenzung, affektive Entlastung und Authentizitätssignalisierung.
Identitätsbildung und Abgrenzung: Jugendliche befinden sich in einer Lebensphase, in der die Ablösung von Eltern und Autoritäten zentral ist. Eine eigene Sprache markiert die Zugehörigkeit zur eigenen Gruppe und grenzt gleichzeitig Außenstehende - andere Jugendgruppen, Eltern, Lehrer - aus. Die gemeinsame Sprache stiftet Zusammenhalt nach innen und kommuniziert nach außen: "Das sind wir. Nur wir benutzen diese Worte."
Affektive Entlastung: Heranwachsende erleben Emotionen oft mit besonderer Intensität. Jugendsprachliche Begriffe dienen als sprachliches Ventil im Austausch mit Gleichgesinnten. Sie ermöglichen es, Gefühle in der eigenen Gruppe zu benennen, ohne auf die normierte Ausdrucksweise der Erwachsenenwelt zurückgreifen zu müssen.
Sprachökonomie: Jugendsprache bevorzugt knappe, verdichtete Ausdrücke. "Läuft bei dir!" oder noch kürzer: "Läuft" transportiert eine Aussage mit minimalem Aufwand. Diese Sprachökonomie passt zur Kommunikationskultur digitaler Plattformen, auf denen Kürze und Treffsicherheit den Ton angeben.
Kreativität und Spielfreude: Neue Wortschöpfungen zeigen sprachliche Innovationsbereitschaft. Jugendliche, die neue Begriffe prägen, signalisieren ihrer Gruppe Originalität und Authentizität - zwei Werte, die in der Jugendphase besonders hoch geschätzt werden.
6. Ist Jugendsprache ein Zeichen des Sprachverfalls?
Jugendsprache ist kein Zeichen des Sprachverfalls, sondern Ausdruck des natürlichen Sprachwandels. Dieses Phänomen ist so alt wie die Sprache selbst. Schon Sokrates (470-399 v. Chr.) beklagte das Verhalten der Jugend seiner Zeit:
"Die Jugend von heute liebt den Luxus, hat schlechte Manieren und verachtet die Autorität. Sie widersprechen ihren Eltern, legen die Beine übereinander und tyrannisieren ihre Lehrer."
Die Sorge über den vermeintlichen Verfall der Sprache ist also kein modernes Phänomen. Sie begleitet jede Generation. Linguistisch betrachtet hat Jugendsprache nur eine geringe Wirkung auf die Standardsprache: Da Jugendsprache fast ausschließlich unter Heranwachsenden gesprochen wird, wandern nur sehr wenige jugendsprachliche Neologismen dauerhaft in den allgemeinen Wortschatz ein. Wenn dies geschieht, ergänzen sie den bestehenden Wortschatz. Sie ersetzen keine vorhandenen Begriffe und mindern nicht die Qualität der Standardsprache. Sprache ist ein dynamisches System, das sich kontinuierlich an seine Sprecher und deren Lebenswelt anpasst. Sprachwandel ist keine Pathologie, sondern das normale Zeichen einer lebendigen Sprache.
7. Drei Fakten, mit denen du sofort als Experte wirkst
Mit diesen Fragen zeigst du beim nächsten Gespräch über Sprache, dass du das Thema wirklich durchdrungen hast:
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Wusstest du, dass Jugendsprache bereits um 1900 eigenständige Slangbegriffe für alltägliche Dinge hatte - etwa "Laffe" und "Camuff" als Bezeichnungen für einen Mann, die heute selbst den meisten Erwachsenen unbekannt sind?
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Wusstest du, dass Sokrates vor über 2.400 Jahren bereits über schlechte Manieren und das ungebührliche Verhalten der Jugend klagte? Die Sorge über den "Verfall" der jüngeren Generation ist damit keine Erfindung der Moderne.
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Wusstest du, dass Jugendsprache linguistisch betrachtet kaum Einfluss auf die deutsche Standardsprache hat? Nur sehr wenige jugendsprachliche Neologismen wandern dauerhaft in den allgemeinen Wortschatz ein.
8. Jugendwörter - Jugendsprache Beispiele
Jugendwörter sind Begriffe und Ausdrücke, die von Jugendlichen geprägt werden, um Identität, Gruppenzugehörigkeit und aktuelle kulturelle Bezüge auszudrücken. Sie entstehen häufig aus Popkultur, Internetphänomenen und sozialen Medien und spiegeln die sich wandelnde Lebenswelt Jugendlicher wider. Jugendwörter erfüllen dabei eine doppelte Funktion: Sie ermöglichen gruppeninterne Kommunikation und grenzen Außenstehende - insbesondere ältere Generationen - sprachlich aus. Da Jugendwörter stark kontextabhängig sind und sich schnell wandeln, ist ihre Dokumentation in gedruckten Wörterbüchern nur begrenzt möglich. Aktuelle Beispiele findest du weiter unten.
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Über den Autor
Silvan Maaß ist Diplom-Kommunikationswirt (dab) sowie Mitbegründer der Sprachnudel, wodurch er sich seit 20 Jahren beinahe täglich mit theoretischer und angewandter Linguistik beschäftigt. Die Lebendigkeit der Sprache hat es ihm besonders angetan. Daher interessiert er sich insbesondere für Okkasionalismen und Neologismen - zwei kreative Themenfelder der Linguistikforschung, die in unserer Gesellschaft relevanter denn je sind.